Lesung von Inge Jens

Am 03. Dezember 2009 freuten sich Bürgermeisterin Lucia Herrmann und die VHS-Leiterin Lotte Hermann sehr über die Autorenlesung von Frau Dr. Inge Jens, die gemeinsam mit Frau Christel Freitag vom Südwestrundfunk ihre Autobiographie „Unvollständige Erinnerungen“ im Lichtenwalder Bürgerzentrum vorstellte.

In Ihrer Begrüßung erinnerte die Bürgermeisterin an die letzte Veranstaltung vor 3 Jahren, an der Frau Dr. Jens mitwirkte. Ende November 2006 fand eine sehr schöne und interessante Veranstaltungsreihe zum Gedenken an die Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ statt. Frau Dr. Jens saß damals gemeinsam mit der Schwester von Willi Graf Frau Knoop-Graf auf dem Podium.

Lucia Herrmann betonte, dass die Autobiographie von Frau Inge Jens es sofort nach Erscheinen in die Bestsellerlisten geschafft habe und dort immer noch stehe, insbesondere in der Spiegel-Bestsellerliste. Frau Jens habe sich jedoch bereits vorher einen guten Namen als Autorin und Herausgeberin gemacht. Sie erwähnte die Briefe von Thomas Mann und der Geschwister Scholl, die Frau Dr. Jens herausgegeben hatte. Ebenso die Bestseller „Frau Thomas Mann“ und „Katias Mutter“, welche die Literaturwissenschaftlerin gemeinsam mit ihrem Ehemann Walter Jens geschrieben hatte.

Frau Dr. Jens hat die Demenz-Erkrankung ihres Gatten sehr offen behandelt und dafür, für diese Offenheit, einen großen Zuspruch in der Öffentlichkeit erfahren. Die Medienberichterstattungen und das Fernsehgespräch bei Beckmann haben wir sehr aufmerksam verfolgt.

Als  musikalisches Zeichen der Wertschätzung spielte Jost Cramer für Inge Jens das „Lied ohne Worte“ Nr. 1 von Felix  Mendelssohn.
Voller Spannung und Interesse lauschte das zahlreich erschienene Publikum dem Gespräch von Inge Jens und Christel Freitag, das mit großer Intensität und Offenheit geführt wurde.

Inge Jens wurde 1927 in Hamburg geboren. In ihren Erinnerungen beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend, die bereits damals durch die Liebe zu Literatur und Musik bestimmt war. Am Handarbeiten oder an der Gartenarbeit mit ihrem Vater hatte sie weniger Interesse. Den Nationalsozialismus hat sie anfangs nicht bewusst wahrgenommen. Erst im September 1939, als der 2. Weltkrieg begann, gerieten die Kriegsauswirkungen und Bombenangriffe immer mehr in ihr alltägliches Leben. Sie beschreibt eindringlich die Erinnerungen an einen Bombenangriff auf Hamburg. Die Nähe in dieser Nacht zu ihrem Vater im Luftschutzkeller und das anschließende gemeinsame Essen mit den Nachbarn – gebratene Hühner, die in der Hitze verendet waren – blieben ihr nachhaltig als bleibende Erinnerung im Gedächtnis.
Sehr ergreifend berichtet sie über ihre Erlebnisse als Hilfskrankenschwester. Sie stand einem 17-jährigen jungen Mann bei, dem ein Bein amputiert werden musste. Seitdem ist sie überzeugte Pazifistin.
Häufig bestimmten überraschende Zufälle das Leben von Inge Jens. Diesen jungen Mann, Willi, traf sie 60 Jahre später bei einer Lesung in Köln. Sie hatte sich nur noch daran erinnert, dass er Willi hieß und aus Köln stammte. Während der anschließenden Signierstunde bat ein älterer Herr sie darum, mitten in dem Buch ihren Namen einzutragen. Sie wunderte sich sehr darüber, und war völlig verblüfft, als er sagte, dies sei auch seine Geschichte. Tags darauf besuchte sie ihn. Er hatte sein Leben als behinderter Mensch mit Bravour gemeistert. Willi hatte sich immer für den Behindertensport eingesetzt und war selbst ein leidenschaftlicher Skifahrer.

Ein weiterer Zufall ließ sie ihren Mann kennen lernen. Sie fuhr zum Studieren nach Tübingen und erfuhr von der Hauswirtin, dass ein weiterer Student aus Hamburg ein Zimmer in der Wohnung habe. Mit ihm hatte sie einen gemeinsamen Briefkasten. Der junge Mann war etwas neugierig und immer bestens über die Absender ihrer Post informiert. Der junge Mann, Walter Jens, hatte zwei linke Hände und war leider nicht im Stande, seinen Ofen zu heizen. Sie tat das für ihn und er brachte ihr dafür Griechisch bei.

Walter und Inge Jens bekamen zwei Söhne und blieben heimisch in Tübingen, wo sich Inge Jens als ausgesprochene Hanseatin von Anfang an sehr wohl gefühlt hat. Sie versteht den schwäbischen Dialekt, sieht aber lieber davon ab, selbst zu versuchen, zu schwäbeln.

Sehr berührend sind die Lichtblicke ihres an Demenz erkrankten Ehemanns Walter Jens, die sich immer wieder einmal bei Theatervorführungen, Lesungen und Musikdarbietungen für einen kurzen Moment zeigen. Das, was noch zu ihm durchdringen kann, kann er dann auch noch äußern: „Es war wunderbar.“

So wunderbar und berührend war auch diese Autorenlesung.