Vortrag von Albrecht Klenk bei der VHS Lichtenwald

Albrecht Klenk aus Reichenbach ist Architekt und Stadtplaner. Er war Leiter der Stadtentwicklungsplanung des Stadtplanungsamts Stuttgart, wobei er das Projekt Stuttgart 21 von Anfang an begleitet hat.

Bürgermeisterin Herrmann wies in ihrer Begrüßung darauf hin, das Thema Stuttgart 21 polarisiere die Region Stuttgart. Ihres Erachtens seien die Vorteile für Stuttgart und die Region durch dieses Projekt im Hinblick auf die Verbesserung der verkehrstechnischen Anbindung, die Stadtplanung, die entstehenden Wohnquartiere und Arbeitsplätze immens. Dem stünde jedoch auch ein erheblicher Kostenaufwand gegenüber. Kosten und Nutzen müssten in einem vernünftigen Verhältnis zu einander stehen. Sie drückte daher ihre besondere Freude aus, dass die Besucher heute über die Schnellbahntrasse Stuttgart – Ulm und das Projekt Stuttgart 21 mehr erfahren würden und sich dadurch ein besseres Bild machen könnten.

Zunächst schilderte Herr Klenk die Hintergründe der Magistrale:
„Vergleichbar mit dem technischen und finanziellen Kraftakt beim Bau der Eisenbahn im Königreich Württemberg (1845 – 1854) werden heute die Weichen gestellt für die zukünftige Konkurrenzfähigkeit der Metropolregion Stuttgart in einem Europa ohne Grenzen. Seit dem ersten Stuttgarter Kongress (1989) haben sich die Städte, Regionen und Länder an der Bahnstrecke zwischen Paris und Budapest zur Initiative „Magistrale für Europa“ zusammengeschlossen, um die grenzüberschreitende Realisierung der hochleistungsfähigen West- Ost-Eisenbahnstrecke nördlich der Alpen voranzubringen.
Wenig Verständnis haben unsere europäischen Partner dafür, dass ausgerechnet das Kernstück der Magistrale (TEN Nr. 17) zwischen Stuttgart und Ulm nach 20jähriger Vorbereitung und baureifen, rechtssicheren Plänen durch teilweise obskure Aktionen, wie den Unterschriften zu einem von vornherein rechtlich nicht zulässigen Bürgerentscheid, infrage gestellt werden soll.“

Herr Klenk erinnerte daran, dass der Ursprung des Projekts S 21 / BW 21 im Widerstand der Filstalgemeinden gegen die sogenannte K-Trasse der DB liege (1987), mit der zwischen Ebersbach und Süssen ganze Häuserzeilen für den 4gleisigen Ausbau abgerissen werden sollten. Der Durchbruch für die von Professor Heimerl vorgeschlagene Neubaustrecke entlang der Autobahn kam nach 7jähriger Diskussion im Jahr 1992.
Inzwischen sei die Trasse weitgehend planfestgestellt.

„Zur aktuellen Diskussion, ob für den Bonatz -Bahnhof ein „Weltkulturerbe-Antrag“ gestellt werden soll, wurde die These entgegengehalten, daß der Bahnhofsentwurf von Architekt Ingenhoven der Beginn einer neuen Epoche im Bahnhofsbau ist und mindestens so bedeutsam sein wird, wie es der Bahnhof von P. Bonatz und F. Scholer an der Wende vom Historismus zur Moderne war. Als Null-Energie Bauwerk hat der Ingenhoven-Entwurf im Jahr 2006 in Bangkok den weltweit höchst dotierten Architekturpreis für nachhaltiges Bauen erhalten. Er sollte deshalb ohne Abstriche realisiert werden.“

Mindestens so bedeutsam wie das Bahn- und Bahnhofsprojekt S 21 hält der frühere Stuttgarter Stadtplaner das Städtebauprojekt S 21: 100 ha freiwerdende Gleisflächen im Herzen der Stadt, davon 20 ha für Parkerweiterung und ca. 65 ha für Wohnen und Arbeiten. Dies sei eine Jahrhundertchance, wie sie Stuttgart seit der Stadterweiterung im Westen ab 1897 nicht geboten habe. „Beim Städtebauprojekt geht es nicht nur um die bauliche Wiedernutzung einzelner Gleisflächen, sondern um die attraktive Perspektive eines neuen, 170 ha großen Stadtteils Rosensteinviertel in Stuttgart-Nord, der um die neue grüne Mitte – den erstmals direkt zugänglichen Parkflächen – mit Stuttgart-Ost zusammenwachsen kann. Als politisches Bekenntnis für diese einmalige Chance der Innenentwicklung hat der Stuttgarter Gemeinderat 65 ha geplanter Neubauflächen im Flächennutzungsplan gestrichen und die Gleisflächen für 425 Mio. Euro gekauft.“

Schwerpunkt der Diskussion war der Zweifel an den aktuellen Zahlen zur Kostensteigerung bzw. Finanzierung des angeblich besonders gut untersuchten Bahnprojektes.
Angesichts der langfristigen positiven Wirkungen einer Einbindung Stuttgarts und vor allem auch Ulms in das europäische Hochgeschwindigkeits-Schienennetz und der seit der Finanzkrise deutlicher gewordenen Konkurrenz zwischen den Metropolregionen verwies der Referent auf das Motto der Franzosen bei der inzwischen fertiggestellten Einhüllung des Straßburger Bahnhofs aus der Kaiserzeit mit einer gläsernen Wolke: „Realiser l'impossible!“ …... wagt das (scheinbar) Unmögliche.