Würdige literarisch-musikalische Hommage zu Mozarts 250. Geburtstag im Bürgerzentrum am 29. Januar 2006

Im Rahmen des Zyklus „Begegnungen“ und unter dem Motto „Mozart der Unfassba-re“ wurde von ortsansässigen Künstlern, dem Pianisten-Ehepaar Gunilde und Jost Cramer, der Musiker-Familie Hartmut Wolf (Elisabeth Wolf, Flöte, Christiane Geige und Klavier, Annegret, Viola, Susanne, Geige und Hartmut Violoncello und Klavier), sowie dem Schauspieler Ernst Specht (Lesung), ein ausgefeiltes und gut abge-stimmtes Programm geboten, das der Würde des Großen Meisters angemessen war.

Im ausverkauften Bürgersaal konnte die Kulturbeauftragte Lotte Hermann, auch na-mens der anwesenden Bürgermeisterin L.-M. Herrmann, die vielen Mozartfreunde begrüßen.

Wenn Mozarts universal-genialer Geist seiner Musik bis heute weltweit seine Geltung behalten hat, zählt er zum Weltkulturerbe und es fragt sich, welcher Stern entließ ihn aus seiner Bahn, um ihn nach verschwenderischem Wirken wieder aufzufangen? Mozart der unsterbliche, unfassbare Künstler oder eher verklärter Mythos. – Müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Wolfgang Amadäus (schon der Name ist Musik) wurde sehr sorgfältig und mit großer Weitsicht von seinem Vater Leopold geschult. Das war im Hause Mozart so Brauch, denn auch das Nannerl, die Tochter, erhielt gleichermaßen eine entsprechende Er-ziehung. Die besondere Begabung des Knaben blieb dem Vater nicht verborgen. Be-reits als Achtjähriger beherrschte er das Violin-, Klavier- und Orgelspiel. Seine Kom-position hatte er so sicher im Kopf, dass er die Partitur sehr säuberlich und fehlerfrei niederschreiben konnte. Die Verbindung von Formvollendung, schöpferischer Fanta-sie und musikalischer Ausdruckskraft, sind in unnachahmlicher Weise verschmolzen. Einen solchen Reichtum an Klangvielfalt und Klangschönheit findet sich bei keinem anderen Komponisten. Begeisterte man sich zu seinen Lebzeiten überwiegend für die heitere geniale Unbeschwertheit seiner Musik, so wurden nach seinem Tode auch die dunklen tragischen, ja dämonischen Züge seiner Schöpfungen wahrge-nommen und beachtet. Seit nunmehr 250 Jahren ist seine Musik so lebendig wie eh und je. Finanzielle Abhängigkeit von der Gunst maßgebender gesellschaftlicher Kreise be-schwerten ihn in höchstem Maße. Tragisch, dass er erst in seinen letzten Lebensjah-ren das lange angestrebte Ziel eines freien künstlerisch Schaffenden erreichte. Ob-wohl er ausgerechnet in dieser Schaffensperiode seinen Kulminationspunkt hatte, blieb ihm die Gunst eines aufgeschlossenen Publikums versagt. Mit der zunehmen-den Verdüsterung seiner Existenz lotet er die geheimsten Tiefen des Ausdrucks in seinem Schaffen aus. Dem größten musikalischen Genie aller Zeiten sicherte es den unvergleichlichen Rang in der Kulturgeschichte der Menschheit als „Unsterblicher“. Mozart verlieh dem Klavierkonzert sinfonische Breite, jedes besitzt seine eigene Ausdruckskraft ,Virtuosität und vollendete Gestalt mit variantenreichen Schattierun-gen. Wie heiter-abgeklärt, ein elegisch langsamer Satz, romantische Düsternis, edle Klassizität.

Die Zwiesprache zwischen Solo und Orchester, das eigentliche Konzertieren, wird von Mozart sorgfältig ausgebaut. Virtuose Mätzchen sind ihm fremd.

Mozarts Briefe als einmalige Lebenszeugnisse sind eine sprachliche Parallele als Partitur zu seiner Musik. Schauspieler Ernst Specht verstand es in imponierender Manier meisterlich durch die jeweils abgestimmte Art seiner Lesung aus Mozarts Briefen und Texten über Mozart, so aus Mörikes Erzählung „Mozart auf der Reise nach Prag“, das wohl der Höhepunkt war (in der Totenstille des Zimmers erklang jener furchtbare Choral: „Dein Lachen endet vor der Morgenröte“) und Grillparzers Gedicht zum 50. Todestag Mozarts diese Gedankenwelt zu vermitteln. Die wunder-bare Textauswahl lag in den bewährten Händen von Jost Cramer.

Es kann nicht genug geschätzt werden, so vielseitige und begabte Musiker am Ort zu haben, die derart begeisternd musizieren und folglich ihren Teil dazu beitrugen, dass man sich in häuslicher Atmosphäre der Familie Mozart wieder fand. Der Vorliebe Mozarts für Klavierkonzerte wurde insofern entsprochen, dass der Schwerpunkt des Programms mit Sonaten, Menuetten und der Fantasie c-moll solistisch und auch begleitend bei diesem Instrument lag. Diese Musikteile wurden überwiegend von Gunilde und Jost Cramer bestritten, wobei Gunilde Cramer insbesondere bei der anspruchs- und geheimnisvollen Fantasie c-moll mit eruptiven Ausbrüchen meister-hafte und erschütternde Klangwelten auf dem Klavier demonstrierte. Hartmut und Christiane Wolf ließen in exaktem Zusammenspiel die Sonate D-Dur für Klavier zu vier Händen erklingen. Ein feiner Hörgenuss war das reine Streichquartett in G-Dur und das Quartett C-Dur, bei dem auch Elisabeth Wolf, Querflöte, mitwirkte. Dass Christiane Wolf eine begabte Geigerin ist, stellte sie bei ihrem vielfältigen Einsatz nachhaltig unter Beweis. Abschließender Höhepunkt war das „Finale à Sieben“ G-Dur, Allegretto, mit der Familie Wolf und dem Ehepaar Cramer. Musizieren auf so hohen Niveau von überragenden Künstlern dargeboten, ist die beste Werbung für die Pflege kultivierter Hausmusik.

Für den Theologen Küng war es das Göttliche an Mozart, dass er es verstand, das Ganze in seiner höheren Einheit darzustellen. Wer sich Mozart ganz hingebe, könne das hören: „Es sei eine Musik, die einen von innen heraus plötzlich durchdringe“. In „Mit Mörike und Mozart“ schreibt Goes: Das Leben lebt, weil sich das Ewige zum Vergänglichen neigt und dass darum die höchste Möglichkeit des Menschen dies ist: „Im Spiel der Freude danke zu sagen, zu singen über dem Abgrund, den das ewige Erbarmen geschlossen hat“.

In ihrem dankenden Schlusswort sprach Lotte Hermann von einer Sternstunde, in der uns die Künstler reich beschenkt hätten. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem frenetischem Jubel. F.K.Reuß